•  
  •  

Unterm Baum (OBE, out of body experience, ausserkörperliches Erlebnis)

© Adrian Osswald (bitte "zum Geleit" lesen)

 
 
Gedankenversunken aste ich die gefällten Buche entlang. Die Ohrenschützer und das Visier des Helmes schirmen mich ab, ich bin ganz in meiner Welt. Die Motorsäge gleitet über den Stamm und trennt mühelos die Äste vom Stamm. Ein Ast versperrt mir den Weg, spannt sich entlang des nahestehenden Baumes nach oben. Arglos hebe ich die Säge über den Kopf. Mausefallegleich schlägt mich der durchtrennte Ast zu Boden, der Stamm verlagert sein Gewicht und drückt mich in den mit Laub gefüllten Strassengraben. Erstaunt erkenne ich mich von oben her guckend unter dem Baum und überlege, wie das denn geht, dass ich meine Arbeiterkollegen auf der anderen Seite des Stammes sehen kann, wenn ich doch auf dieser Seite liege. Wo ist die Motorsäge?! Panik ergreift mich. Ich spüre nichts, dann kann ja die laufende Maschine mir was abgesägt haben! Kurz höre ich den Motor der Maschine links hinter meinem Kopf im Leerlauf knattern, dann ist da wieder kein Ton. Alles ist tiefe Ruhe, über mir fliegt ein Rabe über den Wald, er ist so schön. Ich höre immer noch nichts. Wo bleiben denn die anderen?

Mein Helm ist weggeschlagen und liegt weit hinter mir. Eigenartig, dass ich ihn sehe. Die anderen stehen da rum und schauen zum Baum rüber, ich begreife, dass sie mich nicht sehen können. Wieso kommen die denn nicht?

Luft? Ich atme nicht. Das Gewicht des Baumes lässt das nicht zu. Die Luft muss schlagartig aus meiner Lunge gepresst worden sein, als der Stamm sich auf mich rollte. Fasziniert hänge ich dem Gedanken nach, wie lange ich das wohl aushalten werde, so atemlos. Denn es ist mir klar: Ich atme nicht mehr und es kommt auch dementsprechend kein Laut aus meinem Mund. Da ist keine Angst mehr, nur ein gesteigertes, analytisches Interesse. Wieso hat mich der Baum nicht erdrückt, zerquetscht mit seinem Gewicht? Es muss damit zusammenhängen, dass ich mit dem Oberkörper im Wassergraben des Waldweges liege, sinniere ich. Der Graben ist gefüllt mit nassem Laub. Kurz steigt mir ein Modergeruch in die Nase, würzig, erdig. Dann ist da wieder nichts.

Ich sehe von oben, wie mein vorgesetzter Forstwart nun zu mir rüber geht. Er spricht zu mir, über meinem Gesicht, doch ich höre ihn nicht. Sein Mund öffnet und schliesst sich rhythmisch. Was er wohl sagt? Will er mich beruhigen? Eigenartig, alles ist still. Nahe an meinem Gesicht durchtrennt der Mann den auf mir liegenden Stamm mit der Motorsäge. Der spinnt wohl? Ich guck uns wieder von oben zu; das Blätterdach des Waldes bewegt sich zeitverzögert sanft im Wind: Wunderschön. So schön sind die einfachen Dinge auf dieser Welt. Wie leicht alles ist. Und ruhig, so ruhig.

Ein Geräusch. Jemand atmet ein, ein Vakuum füllt sich mit Luft, das Geräusch ist allgegenwärtig. Es schmerzt. Ich höre: „Kommt schon! Helft mir! Weg mit dem Teil!“ Ich höre meinen Namen rufen. Ich kann meinen Kopf drehen und blicke ins Gesicht eines Helfers. Hektik. Wieso? Es ist doch alles in Ordnung. Der Brustkorb schmerzt, mein Hinterkopf ebenso. Ich kann mich aufsetzen. „Ist alles in Ordnung mit dir? Hallo?“ meint der Forstwart. „Ich denke schon“, antworte ich. „Du machst Sachen, he!“ schüttelt dieser seinen Kopf.

Ich stehe. „Hat jemand eine Zigarette? Meine sind hin“. Ich klaube die zerquetschte Packung mit den zerbröselten Zigaretten aus der linken Brusttasche meiner Überjacke. Jemand fängt an zu lachen. Und wir anderen stimmen in das Lachen ein, befreit von den eigenen beklemmenden Gefühlen. Jemand hält mir eine brennende Zigarette hin. Ich stecke sie mir zwischen die Lippen und mache einen tiefen Zug.

Muttenz, 1982