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Der Ort meiner Schande

© Adrian Osswald (bitte "zum Geleit" lesen)


 
 
Urdorf, im Frühjahr 1987

Mein letzter Holzschlag, ich bin ganz alleine. Der Förster kommt nur alle zwei bis drei Tage vorbei um den Fortgang der Arbeit zu besichtigen und die geschlagenen Stämme ein zu messen, zu qualifizieren und für den Verkauf vorzubereiten. Er ist wie üblich in diesen Tagen schlecht gelaunt, spricht kein Wort mit mir, ruft mich - wie die letzten Male auch - zu sich, um kurz und bündig zu sagen: "Hast wieder vermessen, Sternchen nochmals!"  Dann rauscht er ab, den Bann über mir lassend.
Ich messe in meiner Ungläubigkeit nach, messe nochmals und nochmals, kontrolliere mein Messband auf Fehler: nichts zu machen! Der Stamm ist wieder zu kurz abgesägt, obwohl ich vor dem Schnitt viermal gemessen habe, um ja nicht wieder falsch zu schneiden. Wieder mehrere hundert Franken Schaden angerichtet. Ich bin zerknirscht, verunsichert, wütend - aber auf wen ausser auf mich selbst?
In diesem Holzschlag stehen Tannen auf einem leicht abfallenden Gelände. Ich soll sie hinunter Richtung Waldweg fällen, sie stehen bolzengerade, also kein Problem. Doch acht der Bäume fallen 180 Grad nach hinten mitten in einen Lärchenjungwuchs, was natürlich beträchtlichen Schaden anrichtet. Die Waldbesitzer, der Förster, die helfenden Bauern, welche mit ihrem Traktor die gefällten Stämme aus dem Schlag ziehen; alle verstummen, sagen nichts mehr zur Katastrophe, welche sich da vor ihren Augen abspielt und jeden Tag an Intensität zunimmt.

Eines Tages dann der erlösende Unfall. Der straff gespannte Seilzug an einer gerade stehenden Tanne reisst, der Hebel des Zugapparates schlägt mir auf den Daumenballen, welcher sofort die Grösse eines Tennisballs annimmt. Fertig gearbeitet! Die anderen räumen noch auf, während ich krankgeschrieben bin. Ich schäme mich halb zu Tode, möchte mich am liebsten in den Boden verkriechen. Ich habe schlimmer als irgendein Nichtskönner gearbeitet.

Ein halbes Jahr später gelingt es mir, auch durch die Erfahrung mit einem Baum, mich mit zurück erhaltenem Gesicht aus dem Waldarbeiterberuf zu verabschieden, obwohl ich schon den ersten Teil der mehrtägigen Zulassungsprüfung zur Försterschule in Lyss absolviert habe.
Bei diesem Baum, welcher ganz nahe am ehemaligen Holzschlag steht, handelt es sich um eine mächtige Buche. Vier Männer mit ausgestreckten Armen können sie gerade knapp umfassen. Die Krone ist riesig, ein Allerweltsbaum. Die anderen Profis und die Bauern wollen mich den nicht umtun lassen, weil sie ja von meinem Schandschlag wissen. Ich bestehe darauf, natürlich auch, um meine Ehre als Forstwart zu retten, aber auch deshalb, weil ich meine Angst, wieder zu versagen, überwinden will.
 
Die Fällaktion ist äusserst knifflig, der Baum muss um die Ecke gefällt werden, was höchste Konzentration und Wissen voraussetzt. Das bedeutet, dass die eine Seite des Bandes, welches dem Baum während das Falles die Führung gibt, während des Falles und im richtigen Augenblick durchsägt werden muss, damit der Baum seine Fallrichtung ändert. 
Ich spreche mit dem Baum. Ich sage ihm, dass der, welcher mich hier ihn fällen lässt, mich eines Tages fällen wird. Ich sage ihm, dass es mir Leid tut und bitte ihn, mir zu verzeihen. Ich bitte ihn, mir zu helfen, dass ich meine Angst überwinden und meine Ehre wieder herstellen kann.
Der Baum hilft mir. Er kommt um die Ecke zu liegen, macht nichts kaputt, womit niemand gerechnet hat. Er liegt auf den Zentimeter genau auf der Stelle, wohin er fallen musste. Nicht nur ich bin sprachlos. Auch dieses Mal bleiben sie stumm, meine Profi-Kameraden. Der Spott des vergangenen halben Jahres bleibt ihnen im Halse stecken.

Trotz dieses Erfolges gelang es mir 13 Jahre lang nicht, an diesen Ort zurückzukehren. Lange konnte ich darüber nicht einmal reden. Ich schämte mich zu sehr und zudem konnte ich mir ja damals nicht erklären, was da abging. Doch heute weiss ich es, und darum konnte ich auch zurückkehren.

In meiner Zeit als Forstwart wusste ich wenig von - der angeblichen! - Existenz von Waldgeistern, geschweige denn von Ortsgeistern. Als ich nun ein Ritual am letzten Wochenende abhielt, um mich mit dem Ortsgeist zu versöhnen, spürte ich plötzlich eine starke Kraft um mich, welche sich dann am Ende des Rituals als Waldgeist zu erkennen gab. Er führte mich kreuz und quer durch die 13 Jahre alten Bäumchen, ein ziemliches Dickicht - der Sinn davon wurde mir klar: Ich streifte die alte Geschichte ab. Plötzlich waren da viele kleine Baumgeister, welche begeistert klatschten. Doch ich begriff erst, als mich der Waldgeist zu einem umgestürzten, in dem Lärchendickicht liegenden Baum brachte. Da setzte er sich darauf, lachte und sagte: "Du hast die Arbeit des Windes gemacht, wenn auch ein paar Jahre zu früh! Wir danken Dir, denn schau die Jungschar an! Die Lärchen wachsen auch immer noch, trotz des Schadens, den es damals gegeben hat; ich habe dir ja übel zugesetzt! Nun hast auch du eine Jungmannschaft. Es ist doch schön, dass wir uns so wieder treffen! Alles hat sich zum Guten gewandt!"
Darauf verschwand er, das Dickicht rauschte im Wind und es war mir, als ob ich die Baumkinder immer noch lachen und klatschen hörte. Die haben mich als ihren Schöpfer gefeiert! Ich war erschüttert.
Ich machte mich auf den Weg zurück zu meiner Familie und zu unserem Auto und hörte die Kleinen schon von weitem streiten. Als ich unmittelbar neben meinem alten Holzschlag aus dem Dickicht trat, gelangte ich auf eine grosse, leere Fläche. Beim genauen Betrachten konnte ich sehen, dass hier vor wenigen Jahren der Wind geholzt hatte. Der Waldgeist hatte Recht.
Nun, was soll ich da noch beifügen. Ich bin dankbar, dass mich die Bäume immer noch lehren.

Adrian Osswald, Urdorf, im Frühjahr 2000