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Multiple Persönlichkeit während einer Heilreise

© Adrian Osswald (bitte "zum Geleit" lesen)

Als ich als Mann meiner reisefreudigen Madeleine nach einer etwa 17 Stunden dauernden Reise in Kyzyl im Zentrum Asiens ankam, wurde uns mitgeteilt, dass Grossvater Saryglar im Spital sei. Ich war beunruhigt über seinen mir noch nicht bekannten Gesundheitszustand. Ich war aber auch beunruhigt darüber, dass er mich nun wohl doch nicht lehren konnte.

Nach vielen Jahren des gemeinsamen Weges mit Saryglar über Distanz war es mir plötzlich zugefallen, nach Tuva reisen zu können. Alles ging wie von selbst, das nötige Geld wurde uns geschenkt, die Formalitäten waren ohne Schwierigkeiten erledigt worden und die Flugtickets hatten wir tatsächlich 12 Stunden vor Abflug in den Händen. Das war ein wahrhaftig grosses Geschenk, auch wenn ich ungern reise. Und Madeleine hielt ganz allgemein nicht sehr viel von meinem Schamanenspleen. Zudem war das unsere erste, gemeinsame Reise ohne unsere Kinder. Wir waren beide gespannt, ob das wohl gut ginge.

Gleich nach unserer Ankunft überreichte mir Ailana, Saryglars Tochter und somit meine „Adoptivschwester“, ihren einjährigen Sohn mit den lapidaren Worten:“ Kind krank, 40 Grad Fieber. Du Schamane. Mach.“ Etwas verdattert ging ich ans Werk, unter den wachsamen Augen von Grossmutter.

Am nächsten Tag erfuhren wir, dass Grossvater sterbenskrank und der kleine Artish geheilt war. Ich war ratlos, war ich doch gekommen, damit ich ihm assistieren und so von ihm lernen konnte.

Während unseres Aufenthaltes in Tuva konnte ich wiederholt mit Grossvater Saryglar sprechen. Er beauftragt mich, meine Erlebnisse rund um seine Genesung zu veröffentlichen. Wie ich das täte, war ihm gleich. Auf meine Nachfrage gab er sehr klar zu verstehen, dass ich diese Erlebnisse wirklich öffentlich zugänglich machen sollte und nicht einfach im kleinen Trommelgruppenkreis erzählen, – das sei nicht das, was er damit meine. Er tat dies auch auf dem Hintergrund seiner Aussage, dass er in Europa viele gute Schamanen und Schamaninnen getroffen habe, doch sei dieser Umstand einfach zu wenig bekannt. Er meinte, würden die Europäer erkennen, dass dies so sei, dann bräuchten sie nicht eigens nach Tuva zu reisen. Das war eine hoch politische Aussage, ist doch der Schamanen-Tourismus eine gute Verdienstmöglichkeit. Nicht alle liebten ihn dort hinten wegen genau dieser Aussage.

Mir selbst war sofort klar, dass ich da einen grossen Brocken zu schlucken hatte. Alleine das Erlebnis als solches in Worte zu bannen war schwer genug. Dass ich damit auch gleich die Basis für eine Diagnose „multipler Persönlichkeitszerfall“ lieferte, war heftiger. Doch das Schwierigste für mich war, das Ganze dann auch noch zu veröffentlichen. Mir war bewusst, dass ich damit jenen Menschen eine Reibungsfläche bot, die in dieser Handlung „Grössenwahn“, "aufgeblasener Esofreak" oder ähnliches erkennen würden.

Für einmal war ich ein folgsamer Schüler und stellte das Teil nach unserer Rückkehr auf meine HP. Die Reaktionen waren nicht ganz wie erwartet: Es dauerte lange, bevor einige heftige Reaktionen erfolgten und hin und wieder war ich bereit, die untenstehende Geschichte sang- und klanglos zu löschen. Interessanterweise erhielt ich immer gerade dann Rückmeldungen, in denen von Berührtsein, Ergriffenheit und Verständnis die Rede war. So konnte ich mein Versprechen besser halten und die Geschichte blieb öffentlich.

Im Mai 2006 erhielt ich in einer Vision Grossvaters o.k., die Geschichte vom Netzt zu nehmen. Er fragte mich dabei jedoch: Willst du das denn auch?
Meine derzeitige Meinung dazu: Ich stelle sie hier auf meiner neuen Homepage wieder ins Netz, nachdem ich sie und anderes auf meiner alten HP gelöscht und die Reaktionen darauf bekommen habe (vgl. "altes Gästebuch").

In den knapp 6 Jahren, wo die Geschichte im Netz steht, wurde ich immer wieder gefragt, wieso ich das denn überhaupt auf der HP haben MUSS. Ich musste es, weil ich einen Auftrag hatte. Ich musste es, um sehr viel über mich und anderen zu lernen. Ich musste es, weil es anderen half, alleine durchs Lesen.
Die Antwort auf diese Frage, die ich hier niedergeschrieben habe, blieb ich aber bislang meist schuldig. Die Frage ist ja eher darauf ausgerichtet, etwas „Krankes“ bei mir zu orten.
Hier ist es das erste Mal öffentlich, dass ich eine Antwort gebe,  obwohl ich nicht gefragt worden bin. Ich tue das in Ehrung meines Lehrers Saryglar Borbak-Ool. Er war für mich (und viele andere, das weiss ich) ein wahrhaft guter Lehrer. Er ging soweit, todkrank zu werden, damit ich endlich wie ein Schamane handelte und gab mir einen Auftrag, der bewirkte, dass ich falsche Bescheidenheit ablegen konnte. Darüber hinaus war die Tuva-Reise für die Beziehung zwischen Madeleine und mir schlicht heilend. Unter anderem veranlasste sie mich, Grossvater von der Ferne zu behandeln, obwohl sie gegenüber meinen schamanischen Fähigkeiten skeptisch eingestellt war.

Herzgruss vom scharlaman, Juni 2007  


Reise für Grossvater Saryglar

Der Mann war gross und kam direkt auf mich zu. Die Weite der Steppe hinter sich lassend, wirbelten seine Schritte den Staub des vergangenen regenfreien Monats auf. Sein Gesicht korrespondierte mit der drückenden Stille: es war formlos. Lange schwarze Haare fielen über seine Schultern entlang seines nackten, muskulösen Oberkörpers der Hüfte entgegen, wo die Schwertspitze eines mächtigen Schwertes schräg gegen Boden zeigte. Der Schwertgriff lugte wie ein gebogenes Kreuz hinter seiner rechten Schulter hervor. Derweil ich schwebte und ihn beobachtete, sah ich meinen Körper in Grossvaters kleiner Wohnung am Boden sitzend vornüber gebeugt die Rassel schütteln. Zeitgleich bemerkte ich mich am Fussende von Grossvaters Bett sitzen. Seit Tagen befand er sich nun in dem Intensivstationszimmer des einstöckigen Holzhauses für Pflegefälle des Spitals von Kha-Xem, einem Vorort von Kyzyl. Ich roch den Duft des üppig verwendeten Desinfizierungsmittels und fühlte mich hilflos zu seinen Füssen. Was sollte ich tun? Wie sollte ich ihm helfen können, meinem Lehrer und Grossvater, dem grossen Schamanen? Heiss stieg es in mir empor und ich sah, wie ich in der Wohnung die Rassel schüttelnd weinte.
Auf der Strasse war der Fremde zielstrebig in Richtung Holzhaus weiter gegangen. Ich schwebte körperlos um ihn herum als ich mich unvermittelt zu einem Tuvakrieger aus längst vergangenen Zeiten wandelte, mir selbst im Äusseren völlig unbekannt. Doch unbestreitbar war es ich, der nun den fremden Langhaarigen als Tod erkannte, sein Schwert zog, sich vom Fremden abwandte und vorauseilend das Holzhaus durch Wände gehend betrat.
Ich fand Grossvater völlig entkräftet im Bett liegend vor. Zu Füssen sass da ich, zaudernd und hoffend, doch erschreckt über die Heftigkeit des Kriegers, der ich auch war. Ich hob mein Schwert zum vernichtenden Schlag und Sekunden später wand sich eine riesige Schlange aus dem auseinanderklaffenden Körper meines Grossvaters. Am Fussende sitzend dachte ich schockiert, ob dies wohl das Krafttier meines Lehrers sei, doch nicht zaudernd schlug ich als Krieger dem Tier den Kopf ab und warf ihn und den leblosen, langschweren Körper nach und nach in den Vorhof hinaus. Schwebend sah ich zu, wie sich draussen Raben und Adler über die Schlangenleiche hermachten und sie in Windes Eile verschlangen. Im toten, auseinander geklafften Körper meines Grossvaters waren noch Schlangeneier vorhanden und ich sinnierte gerade von der Decke hinunter, ob der Sitzende nun wohl diese Eier entfernen sollte, als aus dem Nichts einige Hühner auftauchten und sich gierig über diese Leckerbissen hermachten. Sobald der Körper von den Eiern vollständig befreit war, verschwanden die Hühner genau so plötzlich, wie sie gekommen waren.
Der Tuvakrieger war nicht mehr zu sehen. Da erhob ich mich vom Bett, ging zu dem Leichnam und blies in den geborstenen Leib. Weisses Licht durchströmte mich dabei und fand durch meinen Mund den Weg in Grossvaters Körper. Die Wunde schloss sich, das Leben kehrte zurück, doch war Grossvater völlig entkräftet, aber ruhig. Er setzte sich auf, lächelte mich an und teilte mir mit, dass er Hunger habe.
Da füllte sich das Zimmer mit seinen Ahnen, ein Raunen ging durch den Raum, schattenhafte Wesen bewegten sich wie sanfte Wellen eines Gebirgssees durchs Zimmer und dessen Wände. Schwebend hörte ich mich denken: "Bitte ihr Ahnen, es ist noch nicht Zeit. Ich bitte Euch, wenigstens ein einziges Mal soll mich mein Grossvater behandeln können. Ich bitte Euch, lasst ab von ihm und beschützt ihn weiter". Nach einiger Zeit entleerte sich der Raum. Grossvater hatte sich wieder hingelegt. Ich wusste, Grossvater schlief nun den entscheidenden Schlaf, aus welchem er in diese oder in die andere Welt erwachen würde. Es gab hier nichts mehr zu tun, nun galt es, zu warten.

Ich verliess das Intensivzimmer und das Holzhaus, mich selbst von oben herunter teilnahmslos beobachtend. Hinaus tretend sah ich, dass sich der Tod abgewandt hatte und zurück in die Steppe ging. Mit einem körperlich empfundenen Schlag fand ich mich in Grossvaters Wohnung zurückgekehrt, wo ich mich selbst rasselnd und in mich gekehrt von aussen sah. Danach drang ich in meinen Körper ein und legte meine Rassel zur Seite. Ich fand keine Worte, um Madeleine zu erzählen, was ich alles erlebt hatte. Ich stammelte irgendwas von "der Tod kam und ist wieder gegangen, vielleicht wird er es überleben ..." Erschüttert ging ich zu Bett, eine Weile den Schlaf nicht findend.

Am nächsten Morgen kam Grossmutter mit der Übersetzerin Ailana zu uns in die Wohnung, um zusammen Grossvater zu besuchen. Grossmutter erzählte uns, dass sie in der Nacht zu Grossvater gerufen wurde, weil die Ärzte davon ausgingen, dass er sterben werde.
Grossvater überlebte seine völlige Entkräftung und die daraus resultierende Lungenentzündung. Er hatte tagelang nichts mehr gegessen und kaum getrunken. Als wir diesen Morgen zur Klinik kamen, erwartete er uns zu unser aller Erstaunen auf dem Vorhof. Grossmutter berichtete ihm kurz über meine Fernbehandlung. Er erwiderte trocken: "Das weiss ich." Und zu mir gerichtet fuhr er lächelnd fort: "Ich habe Hunger!".

Sommer 2001