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Hasengeschichte

© Adrian Osswald (bitte "zum Geleit" lesen)

Damals, noch vor meiner Zeit als bewusster Schamane, als unser Zwerghase plötzlich seinen Kopf zur Seite hängen liess und sich dabei nicht mehr aufrecht auf den Beinen halten konnte, ereignete sich folgende Begebenheit.
Jeden Tag - es ging alles sehr schnell - wurde es schlimmer, so dass der Hase bald regelmässig auf seine Seite fiel, kaum hatte er sich aufgerappelt. Ich ging darum mit dem Hasen zum Tierarzt , und dieser kam  zum Schluss, dass er den Hasen einschläfern müsse. Er habe eine unheilbare, tödlich verlaufende Nervenkrankheit.
Auf meine Bitte, den Hasen nochmals nach Hause mitnehmen zu können, erwiderte der Arzt trocken, dass sich der Hase bei nächster Gelegenheit sein dem Boden zugewandtes Auge an einem Strohhalm ausstechen werde und dass das wohl - eben auch gerade für Kinder - kein schöner Anblick sei. Zudem leide der Hase; man solle ihn erlösen. Ich jedoch insistierte durch eine plötzliche Eingebung und nahm den Hasen wieder mit nach Hause, nachdem ihm der Tierarzt murrend noch eine Vitamin-B-Spritze iniziert hatte.

Zu dieser Zeit besuchte ich einen Traumzirkel bei einem Mann, der sich schon sehr lange mit Traumdeutung beschäftigte. Einer meiner Grossträume - wie ich sie für mich insgeheim seit Jahren nannte - und die Auslegung der Bedeutung dieses Traumes durch eben diesen Mann war mir in der Praxis des Tierarztes eingefallen. Das war eben eine plötzliche Eingebung, wie ich schon sagte.

Zu Hause brachte ich meinem 6jährigen, ältestes Sohn erst einmal bei, dass unser Zwerghase wohl sterben werde. Trotzdem wolle ich versuchen, ihm durch Zuwendung zu helfen. Wir betteten Langohr auf ein Kopfkissenüberzug, sorgfälltig darauf achtend, dass sich kein Stroh in der Nähe seiner Augen befand.

Am Abend schob ich sachte meine linke Hand unter seinen Körper und hielt meine rechte Hand wenige Zentimeter über ihn, so dass er nun zwischen meinen Händen lag. Ich sagte mir, jetzt werde ich sehen was erwähnter Traum an Wahrheitsgehalt innehat.
 
Der Traum ... das ist eine Geschichte für sich und die möcht ich jetzt auch nicht erzählen. Doch um diese Geschichte mit dem Hasen zu verstehen, muss ich trotzdem ein paar Worte darüber verlieren. 
Der Traumspezialist war klar der Meinung, dass ich einen - wie er es nannte - Reinkernationstraum gehabt und darin eine Initiation zum Schamanen erfahren hätte. Er war ganz beeindruckt, was ich von mir zum damaligen Zeitpunkt nicht behaupten kann.
 
Nun also eröffnete sich an diesem besagten Abend eine Gelegenheit, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, gewissermassen im privaten Rahmen zu überprüfen.
Ich hatte nun also den Hasen zwischen meinen Händen und sprach zu ihm, zu mir und zum Himmel. Ich war seltsam ruhig, daran erinnere ich mich am besten, und ich bat darum, dass der Hase gesunden soll, wenn ich schon ein Schamane zu sein hätte. Nach einer Weile bettete ich den Hasen wieder zurück auf seinen Platz.
Am nächsten Morgen ging Langohr umher, zwar noch immer mit schiefem Kopf, aber er ging und konnte sich aufrecht halten. Ich war erstaunt und gleichzeitig auch nicht. Ich rief den Tierarzt an und der verlangte den Hasen zu sehen. "Da haben sie Glück gehabt," meinte er. "Die Vitaminspritze muss wohl doch gewirkt haben", erwiderte ich. Er schaute mich einen kurzen Augenblick seltsam an. "Wer weiss, bislang hat bei dieser Krankheit nichts geholfen - auch nicht hohe Dosierungen Vitamin B", meinte er schulterzuckend. 

Ich ging nach Hause und wusste nicht, was ich glauben sollte. Die Spritze wird es wohl doch gewesen sein, oder der Arzt hatte eine falsche Beurteilung am Vortag gemacht, was wusste ich! Meine Skepsis wuchs und so schlug ich meine Möglichkeiten erneut in den Wind.

Der Hase aber lebte noch einige Jahre weiter. Eines Abends - nun war ich bereits auf dem Weg zum Schamanen -  lag er, als ich nach Hause kam, wiederum in ungewöhnlicher Haltung in seinem Laufkäfig. Dies tue er schon seit dem Morgen, liess mich meine Frau wissen.
Ich brachte ihm Wasser, welches er mühsam trank. Wieder nahm ich ihn zwischen meine Hände, sprach zu ihm, zu mir und dem Himmel. Plötzlich hatte ich die Gewissheit, dass er nun sterben werde. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, aber die mir bekannte Ruhe war da. Der Hase hob seinen Kopf, schaute mich an, legte sich zurück auf meine Hand und stiess seinen letzten Atem aus. So starb er, ganz ruhig und Jahre nach meiner ersten schamanischen Erfahrung mit ihm.

Heute ist mein damaliges intuitives Wissen zur Gewissheit gereift, dass ich ihm in diesem Moment auch geholfen habe. Ich habe ihm geholfen, abzuschliessen und loszulassen. 
Er jedoch hatte mir zum zweiten Mal die Gelegenheit geboten - unter Einsatz seines Lebens - schamanisch zu lernen. Er war ein guter Lehrmeister und dafür bin ich ihm dankbar.